Der Fleischverzehr und die Treibhausgase

Das Klimaschutzgesetz verpflichtet die Bundesrepublik zu Klimaneutralität ab 2045. Das verlangt teils dramatische Verhaltensänderungen für alle denkbaren Lebensbereiche, so z.B. auch für die Art und Weise der Lebensmittelversorgung. Im Zentrum der Betrachtung steht hier das Ausmaß individuellen Fleischverzehrs. Etwa 70% der landwirtschaftlichen Fläche werden weltweit für Tierhaltung und Futtermittelerzeugung genutzt. Einer Unterorganisation der UNO (FAO) zufolge trug die Viehzucht im Jahr 2013 mit 14,5% zu den globalen Treibhausgasemissionen bei und der Anteil ist zwischenzeitlich noch einmal deutlich gestiegen. Spitzenreiter im Ranking der Treibhausgasproduktion sind die Wiederkäuer, d. h. die Rinder und Schafe. Ein Rind produziert im Jahresdurchschnitt 100 kg höchst klimaschädlichen Methans. Das entspricht der durchschnittlichen Kohlenstofferzeugung von 18.000 Autokilometern. Hinzu kommen mit der Kotausscheidung weitere 90 kg Methan.

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat gemeinsam mit dem Bund für Naturschutz Deutschland (BUND) in einem sogenannten Fleischatlas die vielfältigen Verbindungen zwischen der Fleischproduktion und der Treibhausgasentwicklung herausgearbeitet. Aus der höchst verdienstvollen Arbeit ergibt sich, dass es nicht die Landwirtschaft ist, die die Zügel in der Hand hält. Gesteuert wird das Geschäft von den 20 bedeutendsten Lebensmittelkonzernen, von denen ein Teil in der EU ansässig ist. Die fünf bedeutendsten Akteure der Lebensmittelbranche tragen genau so viel zur Treibhausgasproduktion bei wie der weltweit mächtigste Ölmulti Exxon Mobile; der Landwirtschaft obliegen insoweit nur weitgehend exekutive Funktionen.

Es sind Laborfirmen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und dabei sind, Auswege aus der Misere aufzuzeigen. Genannt seien die neu entstandenen Verfahren zur industriellen Erzeugung geschmacksidentischen Fleischersatzes, die von Startups wie z.B. Aleph Farms in Israel oder Bluu Biosciences in Lübeck entwickelt werden und inzwischen vor der Markteinführung stehen. Auch andere innovative Ansätze, wie z.B. der Fleischersatz auf pflanzlicher Basis oder das langsam an Fahrt gewinnende Konzept des Vertical Farming haben enormes Potential, den wachsenden Welthunger auf deutlich nachhaltigere und klimaschonendere Weise zu stillen als konventionelle Landwirtschaft.

Größer kann man sich den Kontrast zu den überkommenen Förderungsansätzen der EU und damit Deutschlands kaum vorstellen. Sowohl beim aktuellen Green Deal der EU wie auch bei den aktuell neu beschlossenen Agrarfonds, die etwa ein Drittel (!) des EU-Budgets ausmachen, steht mit gut 70% freier Verfügbarkeit nach wie vor das Wohl der konventionellen Landwirtschaft im Zentrum. Die von den jungen Firmen aus Israel, USA und Europa ausgehenden Impulse finden in den offiziellen Verlautbarungen keine Erwähnung. Da kann man nur hoffen, dass die Thematik in den Koalitionsgesprächen eine realistischere Behandlung erfährt.

Wenn Deutschland an der revolutionären Veränderung umfassend partizipieren will, muss es sich möglichst schnell um eine langfristig orientierte Strategie hin zu einem klimaschutzkonformen Essverhalten bemühen. Vor allem der jüngeren Generation käme das sehr entgegen. Sie verzeichnet eine wachsende Neigung, sich vegan zu ernähren. Der schnell wachsende Markt indiziert, dass der Trend durchaus Zukunft hat. Die Bundespolitik müsste ihn aufgreifen und nach Kräften verstärken. Das ist mit einer intensivierten Regulierung für die Massentierhaltung nicht getan.

Es bedarf vielmehr als anschiebende Starthilfe eines ambitionierten Rahmenkonzepts für einen beschleunigten Weg ins vegane Zeitalter, auf der Basis von qualitativ hochwertigen Fleischersatzprodukten mit Preisvorteilen gegenüber tierischem Fleisch und darauf bezogenen Vermarktungsstrategien. Es müsste eine Start-up-Förderung einschließen, um eine spezifische Gründeratmosphäre zu begünstigen.

Das Konzept müsste im Unterschied zur Zielsetzung der Laborfirmen eine enge Kooperation mit der Landwirtschaft vorsehen. Einerseits als künftigem Partner für die Rohstoffbereitstellung und andererseits als kompetenter Hauptakteur bei der Umgestaltung der verbleibenden agrarwirtschaftlichen und landschaftspflegerischen Aufgabenstellungen.

Die Komplexität der Aufgabenstellung verlangt eine Zusammenführung hochrangiger Experten in einem maximal ausgestatteten Zentrum mit institutionalisierten Kontakten zur Praxis, die ihrerseits davon profitieren würde. Das Zentrum müsste neben den betroffenen Ministerien wegen der politischen Bedeutung des Projekts dem Kanzleramt kontinuierlich berichten. In einigen Mitgliedsstaaten der EU könnte es – nicht ohne Grund! – als Angriff auf die tradierte Agrarförderung der EU verstanden werden.

Vorsorglich sei deshalb noch einmal auf die vielfältigen Nebeneffekte des Projekts hingewiesen: Massentierhaltung kommt nicht ohne den vorbeugenden flächendeckenden Einsatz von Antibiotika aus und trägt entscheidend zur Antibiotika-Resistenz mit ihren verheerenden Folgen für das allgemeine Gesundheitswesen bei. Die konzentrierte Tiermast produziert außerordentliche Nährstoffüberschüsse. Als Jauche, Gülle oder Mist werden sie von der Landwirtschaft im Übermaß auf den Feldern als Dünger eingesetzt und bewirken grenzwertüberschreitende Nitratgehale des Grundwassers mit Konsequenzen für das daraus gewonnene Trinkwasser sowie Klimabelastungen durch Freisetzung von u.a. Lachgas. Bezüglich der Nitratbelastung hat die EU-Kommission bereits ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet. Des weiteren sei noch auf den übersteigerten Futtermittelbedarf konzentrierter Tierhaltung hingewiesen. Er gibt Anlass, bisherige umweltverträgliche Nutzungen landwirtschaftlicher Flächen aufzugeben und stattdessen Futtermittel und Energiepflanzen (vor allem Mais und Soja) in Monokultur anzubauen. Die Tierhaltung gilt als weltweit größte Triebkraft für die Abholzung von Wäldern bis hin zu Brandrodungen. Schließlich ist die gegenwärtige Praxis der Massentierhaltung natürlich auch aus ethischen Gründen inakzeptabel.

Die obigen Erwägungen zeigen, dass Klimaschutz sich nicht auf die
Entkarbonisierung der Energiewirtschaft beschränken darf. Eine Umstrukturierung
der Landwirtschaft kann hier einen enormen Beitrag leisten, und zwar nicht auf
Kosten des klassischen Umweltschutzes, wie es alternative Energieträger teilweise
tun, sondern im Gegenteil zu seinem Nutzen. Vom Tierwohl ganz zu schweigen.

Trotz der inzwischen verbreiteten Endzeitstimmung gibt es also durchaus Anlass zur Hoffnung. Eine grundlegende Neuorientierung der Landwirtschaft rückt in greifbare Nähe, mit enormen Chancen für den Klimaschutz, Umweltschutz, Tierwohl und die Ernährung einer wachsenden Erdbevölkerung.

Meine Hoffnung ist es, dass auch in diesem Punkt das zukünftige Kabinett einen Neuanfang wagt, und die Politik die hier geschaffenen Chancen auch zu nutzen beginnt.

Ein Kommentar zu “Der Fleischverzehr und die Treibhausgase

  1. Guten Morgen lieber Karl.

    Bin überrascht, dass Du Dich gerade mit dieser Materie befasst. Glückwunsch. Ich hab auch noch was gelernt, über die start ups, Das wusste ich nicht. Ja. ich setze auch Hoffnung auf die neue Bundes-
    gierung, aber nur bedingt, weil der Einfluss der grossen Lebensmittelkonzerne sehr, sehr sehr groß ist. Das wird noch dauern, bis es da eine wirkliche Veränderung im grossen Stil geben wird.
    Aber in meinem Umfeld, beide Schwiegertöchter, die Kinder von Regine, alle leben schon eine ganze Weile vegan,
    ich bin zur gelegentlichen Fleischesserin geworden, Fisch ziehe ich vor.
    Bei mir im Stadtteil, wo es viel studentisches Publikum gibt, sind die Neugründungen von Restaurants überwiegend
    solche, die nur noch vegan anbieten.
    Auch die Supermärkte bieten für mich erfreulich viel Produkte an, um sich fleischlos zu ernähren, da hat sich schon
    einiges getan.
    Aber um wirklich im grossen Umfang ein generelles Umdenken und anderes Verhalten zu erreichen, bedarf es noch viel Arbeit,
    informativer Art wie Dein Artikel aber auch Bereitschaft der Poliitk in der EU und unserer Republik.
    Ich finde zum Glück viel Rezepte in den Zeitschriften von dm und der Apothekerzeitung für leckere vegetarische
    Gerichte. Man muss mehr würzen, mehr Fantasie ist nötig, dann ist vegetarische Kost sehr lecker.
    Freut mich, dass Du Dich jetzt damit befasst.
    Deine Süster Helga

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