Eine zukunftsweisende Technologie zur Hausmüllverwertung
1. Was ist Trockenstabilat?
Trockenstabilat ist ein hochkalorischer Ersatzbrennstoff, der durch mechanisch-biologische Trocknung (MBS) ausHausmüll gewonnen wird. Das Verfahren wurde in den 1990er Jahren von der Herhof GmbH gemeinsam mit Prof. Wiemer und seinem Team im Lahn-Dill-Kreis (Hessen) entwickelt. Die Pilotanlage ging 1997 in Betrieb.
Das Verfahren ermöglicht es, aus Restmüll ohne vorherige Getrenntsammlung drei verwertbare Stoffströme zu erzeugen und macht damit die aufwändige separate Erfassung von Leichtverpackungen (Gelber Sack) überflüssig. Trockenstabilat wird als Ersatzbrennstoff in der Zementindustrie, in Heizkraftwerken eingesetzt und eignet sich auch zur mechanischen Abscheidung von Kunstoffen sowie zur Herstellung von Methanol. Es ist lagerbar, transportierbar und kann lose, in Ballen gepresst oder pelletiert ausgeliefert werden.

Staatssekretär Baake urteilte 2020 nach dem Ausscheiden Frau Merkels aus der Regierungspolitik:: „Das Trockenstabilatverfahren erfüllt bereits heute die Anforderungen an eine nachhaltige Siedlungsabfallwirtschaft, wie sie für 2020 geplant sind.” Der Geschäftsführer der Herhof GmbH wurde für die Entwicklung der immissionsschützenden Aspekte des Verfahrens mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.
2. Wie funktioniert das Verfahren?
2.1 Verfahrensprinzip
Das Verfahrensprinzip ist vergleichsweise einfach:
- Anlieferung und Vorbereitung: Der Restmüll wird nach Anlieferung von groben Störstoffen befreit und vorzerkleinert.
- Kurzrotte (Biologische Trocknung): Das Material wird in luft- und wasserdicht geschlossenen Boxen durch gezielte Sauerstoffzufuhr einer einwöchigen Kurzrotte unterzogen. Die dabei entstehende biologische Wärme bewirkt – ohne Zugabe von Fremdenergie – einen Entzug von rund 270 kg Wasser pro Tonne Input.
- Mechanische Trennung: Der getrocknete Müll wird mechanisch in drei Stoffströme getrennt.
- Schadstoffbehandlung: In der Kurzrotte werden mit dem Wasseraustrieb Schadstoffe freigesetzt, die zusammen mit der Abluft aus den Betriebshallen einer Nachverbrennung unterzogen werden. Die verbleibenden Schadstoffe erfahren durch die nachfolgende Entnahme schadstoffhaltiger Wertstoffe eine weitere Reduktion (patentiertes ARA-Verfahren).
2.2 Massenbilanz pro Tonne Input
Aus 1.000 kg Restmüll entstehen:
| Stoffstrom | Menge |
| Trockenstabilat (Ersatzbrennstoff) | 520 kg |
| Fe- und NE-Metalle (Eisen, Kupfer, Aluminium, Zink) | 60 kg |
| Inertmaterial (Steine, Sand, Glas) | 150 kg |
| Wasserentzug (durch Kurzrotte) | 270 kg |
2.3 Einsatzmöglichkeiten der Outputströme
- Trockenstabilat: Einsatz als Ersatzbrennstoff in der Zementindustrie, in Heizkraftwerken (bis 100% Feuerung möglich), zur Herstellung von Methanol und Wasserstoff, sowie als Stützfeuer in klassischen MVA.
- Metalle: Problemlose Verwertung mit Gewinn. Allein das Aluminium ermöglicht durch Wiederverwendung eine Energieeinsparung in der Höhe des gesamten Betriebsaufwands der Trockenstabilatanlage.
- Inertmaterial: Nach Schwermetallwäsche einsetzbar in der Bauwirtschaft und im Straßenbau. Der Waschschlamm als Sondermüll reduziert sich auf ca. ein Drittel des Volumens der Schlacke aus der klassischen Verbrennung.
- Altglas: Nahezu 100%ige Aussortierung möglich, befreit von Restmüllbestandteilen, mit farbspektraler Aufteilung – höchste Qualitätsstufe für die Glasindustrie.
- Kunststoffe: Infrarotbasierte Abscheidung verwertbarer Kunststofffraktionen. Die Zusammenführung der Einsammlungssysteme ermöglicht eine Steigerung der Kunststoffausbeute um ca. 45% gegenüber dem Gelben Sack.
3. Zentrale Vorteile

3.1 Ökologische Vorteile
- Schadstoffarmut: TÜV-Langzeitmessungen (2002–2004) belegen, dass beim Einsatz von Trockenstabilat alle Schadstoffparameter deutlich – teilweise in Zehnerpotenzen – unter den gesetzlichen Grenzwerten liegen.
- Klimaschutz: Verhinderung der Methanbildung, die auf Deponien bis zu 20fache Klimaschädlichkeit gegenüber CO₂ aufweist. Die CO₂-Emissionshandelsstelle beim Umweltbundesamt hat die Reduktion der CO₂-Abgabe für Trockenstabilat auf 50% festgesetzt, da hohe regenerative Anteile im Input enthalten sind.
- Wegfall der Getrenntsammlung: Die aufwändige Parallellogistik (Gelber Sack, Altglascontainer) entfällt. Die Sammeltouren reduzieren sich von vier auf zwei. Das senkt Ressourcenverbrauch, Verkehrsbelastungen, Luftverschmutzungen und den ökologischen Fußabdruck der Erfassung erheblich.
- Höhere Wertstoffausbeute: Durch Miterfassung von Fehlwürfen und stoffgleichen Nichtverpackungen (Spielzeug, Haushaltsgeräte) steigt die Kunststoffausbeute um ca. 45%.
- Ressourcenschonung: Der Einsatz von Inertmaterialien in Bau und Straßenbau verringert die Ausbeutung von Kieslagern und Steinbrüchen.
3.2 Ökonomische Vorteile
- Kostengünstiger als Alternativen: Bereits ab 1997 war das Verfahren bei höherem ökologischem Standard deutlich preiswerter als Deponieren (inkl. kapitalisierter Nachsorgekosten) und klassische Verbrennung, selbst in modernsten Großanlagen.
- Lagerfähigkeit: Der Ersatzbrennstoff ist lagerfähig und befreit kommunale Entsorger aus der Abhängigkeit, Abfälle just-in-time und mit hohen Zuzahlungen loswerden zu müssen. Dies bietet auch Lösungen für die Dunkelflaute-Problematik nach dem Kohleausstieg.
- Erhöhte Erlöse aus Wertstoffen: Vermarktung von Metallen, Altglas, PPK und Ersatzbrennstoff; Handel mit CO₂-Zertifikaten.
- Entlastung der Hausmüllgebühren: Durch die Zusammenführung der Erfassungssysteme und die erhöhten Wertstofferlöse.
3.3 Energiewirtschaftliche Vorteile
- Braunkohle-Substitution: 1 Tonne Trockenstabilat verdrängt 1,3 Tonnen Braunkohle.
- Hoher Heizwert: 15–18 MJ/kg, doppelt so hoch wie Rohbraunkohle, leicht über getrockneter Braunkohle. Zusätzlich entfällt der Energieaufwand für Gewinnung/Trocknung (ca. 1/3 bei Braunkohle).
- Effizient in der Verbrennung: Durch Vorbehandlung werden Feuchtigkeit und unbrennbare Materialien abgeschieden. Die Folge ist eine deutlich erhöhte Energieausbeute im Vergleich zur klassischen MVA.
- Wasserstoff-Perspektive: Umwandlung des Ersatzbrennstoffs in Wasserstoff möglich, potenziell für klimaneutrale Betankung von Sammelfahrzeugen vor Ort.
3.4 Flexibilität und Zukunftsoffenheit
- Flexible Reaktion auf veränderte Anforderungen: Sortierung kann technologischen, gesellschaftlichen oder politischen Entwicklungen angepasst werden.
- Skalierbarkeit: Anlagen existieren weltweit in unterschiedlichen Größenordnungen – von kommunalen Anlagen bis hin zu den drei weltweit größten Anlagen in China.
- Digitalisierung und KI: Das Verfahren bietet natürliche Anknüpfungspunkte für Optimierung durch moderne Technologien.
4. Zentrale Kennzahlen (KPIs)
4.1 Verfahrenstechnische KPIs
| Kennzahl | Wert |
| Wasserentzug pro Tonne Input | ca. 270 kg |
| Trockenstabilat-Ausbeute pro Tonne Input | ca. 520 kg |
| Metallausbeute (Fe/NE) pro Tonne Input | ca. 60 kg |
| Inertmaterial pro Tonne Input | ca. 150 kg |
| Dauer der Kurzrotte | ca. 1 Woche |
| Fremdenergieeinsatz für Steuerung der Sauerstoffzufhr Trocknung | nahezu 0 (autotherm) |
4.2 Energetische KPIs
| Kennzahl | Wert |
| Heizwert Trockenstabilat | 15–18 MJ/kg |
| Heizwert Rohbraunkohle (Vergleich) | ca. 8–9 MJ/kg |
| Verhältnis Braunkohle-Verdrängung | 1 t Stabilat = 1,3 t Braunkohle |
| Fossiler CO₂-Anteil je Energieeinheit | 24 g CO₂/MJ |
| Rohbraunkohle (Vergleich) | 111 g CO₂/MJ |
| Erdgas (Vergleich) | 56 g CO₂/MJ |
4.3 Emissionen und Schadstoffe
| Kennzahl | Wert |
| Schadstoffparameter (TÜV-Langzeitmessung 2002–2004) | Teilweise in Zehnerpotenzen unter gesetzlichen Grenzwerten |
| CO₂-Anrechnung im Emissionshandel | Nur 50% (wg. hohem regenerativem Anteil) |
| Methanbildung | Wird durch das Verfahren verhindert |
| Schlackereduktion (Inertwaschschlamm vs. MVA-Schlacke) | ca. 1/3 des MVA-Volumens |
4.4 Logistik und Erfassung
| Kennzahl | Wert |
| Reduktion der Sammeltouren und Tonnenvorhaltung | Von 4 auf 2 |
| Steigerung Kunststoffausbeute vs. Gelber Sack | ca. +45% |
| Sammelfahrzeug-Umstellung | Potenziell auf Wasserstoff (vor Ort erzeugt) |
4.5 Volkswirtschaftliches Potenzial (Deutschland)
| Kennzahl | Wert |
| Jährliches Hausmüll-Aufkommen (DE) | ca. 15 Mio. Tonnen |
| Daraus gewinnbares Trockenstabilat | > 7 Mio. Tonnen/Jahr |
| Verdrängbare Braunkohle | > 9 Mio. Tonnen/Jahr |
| Geschätzte Gesamtkosten des DSD-Systems (1993–2023) | ca. 90 Mrd. EUR (Ladenkasse + unentgeltliche Bürgerdienste) |
5. Zusammenfassung
Das Trockenstabilatverfahren stellt eine ökonomisch und ökologisch überlegene Alternative zur herkömmlichen Getrenntsammlung und Müllverbrennung dar. Es vereint Ressourcenschonung, Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit in einem integrierten System. Das Verfahren:
- ersetzt die aufwändige und ökologisch fragwürdige Getrenntsammlung von Leichtverpackungen,
- erzeugt einen schadstoffarmen, lagerfähigen Ersatzbrennstoff mit doppeltem Heizwert gegenüber Rohbraunkohle,
- gewinnt Wertstoffe (Metalle, Glas, Kunststoffe) in höherer Menge und Qualität als die Getrenntsammlung,
- verhindert die Bildung klimaschädlichen Methangases,
- emittiert nur 24 g fossiles CO₂/MJ – weniger als ein Viertel von Rohbraunkohle,
- reduziert den logistischen Aufwand und die damit verbundenen Verkehrs- und Luftbelastungen erheblich,
- bietet Perspektiven für die Wasserstoffwirtschaft und die Kreislaufwirtschaft nach deren begrifflichen Ausweitung auf Primärrohstoffverbrauch.
Die Technologie ist erprobt und wird international eingesetzt, unter anderem in China (drei der weltweit größten Anlagen), Griechenland, Bulgarien und Kroatien. In Deutschland wurde ihre Durchsetzung über Jahrzehnte politisch blockiert. Angesichts der verfassungsrechtlichen Aufwertung des Klimaschutzes, der Krise der deutschen Recycling-Branche und der europäischen Regulierungsdynamik steht eine Neubewertung des Trockenstabilatverfahrens überfällig an.
Quellen: Karl Ihmels, „Rote Karte für den Gelben Sack – Umweltschädigung durch Mülltrennung”, 2024. TÜV-Langzeitmessungen 2002–2004. Öko-Institut/BASF-Gutachten. Sektoruntersuchung des Bundeskartellamts.